Mein Leben mit den Pferden:
Die ersten Kontakte zu den wundervollsten Geschöpfen dieser Erde machte ich im zarten Alter von sechs Jahren. Meine erste Reitstunde kostete damals 5,-- DM. Mein Reitlehrer war schon ziemlich alt, so um die 58 Jahre, na ja, für mich war’s schon uralt. Mein erstes Pferd war ein Lippizaner Wallach namens „Nicki“. Er war nicht sehr groß, aber dafür sehr temperamentvoll. Ich lernte sehr schnell, und es machte mir riesigen Spaß, mit den Tieren umzugehen. Was mir damals nicht bewusst war, sollte ich zwei Jahre später erfahren. Ich war nur fürs Gelände ausgebildet worden. Ich kannte weder den Begriff „ Aussitzen“ noch „Paradengeben“. Meine Freundinnen lernten fast alle in einem größeren Reitstall. Ich dagegen lernte in einem kleinen Privatstall, wo es nur zwei Pferde gab. Ich wechselte meinen Reitlehrer nach zwei Jahren und kam in einen etwas größeren Stall. Hier waren ca. zehn Pferde zu dieser Zeit. Ich erhielt Unterricht in Dressur und Springen. Nur ins Gelände durfte ich nicht mehr, nur noch unter strenger Kontrolle mit dem Reitlehrer. Ich brauchte fürs Reiten nichts zu zahlen, sollte nur bei der Pflege helfen. Die Spuren sind heute noch deutlich zu erkennen! Dass die Pferde nicht so glücklich waren wie in dem kleinen Privatstall, merkte ich vorerst nicht. Mein Lehrer brachte mir bei, dass die Pferde nur mit Strenge und Härte gehorchen würden. Ich war acht Jahre alt und sah meinen Lehrer als eine Art „Gott“ an. Ich tat alles, was er mir sagte und lernte schnell die Pferde gegen ihren Willen zu reiten... zu barren und zu quälen. Mit ca. 13 Jahren gab ich meinen Freundinnen das erste mal Unterricht. Ich fühlte mich als etwas besseres! Nicht nur die Pferde gehorchten mir, sondern auch meine Mitmenschen. Erst nach einiger Zeit wurde mir bewusst, was ich da tat... der Tag X sollte kommen... und er kam! Ich war 15 Jahre alt.
Ein neues Pferd kam in den Stall (mein Lehrer fungierte zu dieser Zeit auch noch als Händler!) Es war ein wunderschöner glänzender Wallach, ein Fuchs. So ein glänzendes Fell hatte ich noch nie zuvor gesehen. Wendy war sein Name. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich durfte ihn sofort reiten... nie hätte ich ihm was böses angetan. Mein Reitlehrer bemerkte die Sympathie und bot ihn mir zum Kauf an. Für nur 2000 Dm hätte ich den damals zwölf-jährigen Wallach kaufen können. Ich war hin und weg! Ich bequatschte meine Eltern Tag und Nacht. Zeigte ihnen, wie es ist, wenn ich mit dem Rad zum Stall kam und schon die Art, wie ich mein Fahrrad an die Mauer lehnte, brachte Wendy zum Wiehern. Es beeindruckte meine Eltern sehr. Ich brauchte ca. eine Woche, bis ich meine Eltern zur Zustimmung überredet hatte. Ich musste nur noch den Kaufvertrag unterschreiben lassen. Ich fuhr strahlend zum Stall... nichts auf dieser Welt hätte mich glücklicher machen können. Ich kam zum Stall und wunderte mich, dass Wendy nicht wieherte. Ich rief, doch ich hörte keinen Laut. Ich ging langsam um die Ecke zum Eingangstor, sah von dort aus schon die offene leere Box. Kein Wendy weit und breit. Der erste Gedanke war: „Sie sind ausreiten!" Ich ging zur Sattelkammer, um zu sehen, ob Wendy`s Sattelhalter leer war. So war es aber nicht. Der Sattel hing an Ort und Stelle, und seine Trense hing auch noch da, wie am Tag zuvor. Mir wurde schlecht, denn ich kannte meinen Reitlehrer schon ziemlich gut, ich wusste wie skrupellos er sein konnte. Mit Tränen in den Augen fuhr ich zu ihm. Bilder schossen mir durch den Kopf. Ich sollte recht behalten. Mit einem grinsen im Gesicht, sagte er mir: „Den Bock hab ich verkauft!“ Der Schlächter hat mir 2.500 DM gegeben! Du wolltest ihn ja nicht!
Und ob ich wollte... Ich versuchte, mir meinen Schmerz nicht anmerken zu lassen, denn ich wusste, das lässt seine Nase noch höher wachsen. Ich versuchte herauszubekommen, zu welchem Schlachter er gekommen war. Doch er hielt seinen Mund.
Ich ging in den Wald... genau den Weg, den wir immer geritten sind, sah die Spuren noch vom Vortag.....
ES TAT SOOOOOO WEH!
Die Wochen danach verbrachte ich mit der Suche nach meiner großen Liebe. Doch es war erfolglos.
Den Reitstall verließ ich auf der Stelle... betrat ihn erst Jahre später.
Einige Jahre vergingen, ich ritt mal dort und mal dort. Nach der Lehre lernte ich meinen Mann kennen. Wir heirateten nach einem Jahr. Meine Freundin kaufte sich in diesem Jahr eine Haflinger Stute. Lotte war ihr Name. Da meine Freundin mitten im Studium steckte, durfte ich Lotte sooft und soviel reiten, wie ich wollte, was ich natürlich ausnützte. Lotte wurde in einer Robusthaltung gehalten. Da die Weidepacht auslief, kam Lotte zu einem Menschen, den ich heutzutage als den „Pferdeflüsterer“ aller Zeiten betrachte. Er hatte eine große Herde Isländer, die er selber züchtete. Lotte hatte sich schnell in die Herde integriert... und bereits nach einigen Wochen war sie der „Boss“ auf der Weide. Von nun an besuchte ich die Pferde, sooft ich konnte. Lag Stunden lang im Gras und beobachtete die grasenden Tiere. Lernte gleichzeitig deren Sprache zu verstehen. Ich liebte diese Atmosphäre, „im Einklang der Natur“ zu sein. Ich durfte bei vielen Machtkämpfen zuschauen, durfte erfahren wie es ist, wenn eine Stute ein Fohlen gebärt (ohne menschliche Hilfe, versteht sich!).
So sollte es kommen, dass mein Mann mir zu meinem 26 ten Geburtstag ein eigenes Pferd schenken wollte. Meinen Traum vom 170m großen Hannoveraner hatte ich längst verworfen, ich wusste jetzt, dass ein kleineres Pferd fürs Gelände viel besser geeignet war. Nachdem ich etliche Zeitschriften durchgewälzt hatte, kam ich endlich an eine seriöse junge Frau, die eine Araber-Mix- Stute abzugeben hatte. Sie hatte utopische Preisvorstellungen. Soviel konnte ich nicht berappen. Aber sie ließ nicht locker und meinte, ich solle doch mal vorbeikommen. Ich ließ mich überreden und fuhr noch am gleichen Tag zu ihr. Da stand „Santana“. am Straßenrand festgebunden. Und es hatte sofort „pling“ gemacht! Ich bekam die vierjährige Stute für die Hälfte des Geldes.
Noch heute verstehe ich mich mit der Vorbesitzerin sehr gut.
Zuerst hatte ich mein Pferd in einer kleinen Pension untergebracht. Sie war sehr familiär - zu familiär! Wir gingen auseinander, und ich pachtete meine erste eigene Weide. Mittlerweile hatte ich viel von Karl ( siehe Eifel-Ardennen-Scout: http://www.eifelscout.de/ ) gelernt. Ich stieg in dieser Zeit auf das Western-Reiten um, Kaufte mir die nötige Ausrüstung und versuchte, mich vollkommen auf Santana einzustellen.
Doch wir beide sollten noch viel lernen......
Die ersten Reitversuche im Gelände endeten entweder in steilen Abhängen oder aber im vollstem Galopp, weglaufend vor irgendwelchen schlimmen Dingen. Sie war so schreckhaft, das ich meine „alten Methoden“ allesamt ausprobierte. Aber nichts tat sich. Verschiedene Hilfszügel - Sporen – Martingal – oder auch die Gerte.
Es wurde jedes Mal schlimmer, statt besser.
Wir brauchten ca. zwei Jahre, bis wir uns vollkommen gegenseitig vertrauen konnten. In diesen zwei Jahren sammelten wir sehr viele Erfahrungen, die ich bis heute nicht bereue. Ich habe gelernt, dass, obgleich ich einen Westernsattel oder einen Klassischen Sattel unterm Hintern hab, egal ob ich elegant oder einfach nur in Jeans reite.......die Hauptsache ist, wir beide (mein Pferd und ich) tolerieren und akzeptieren uns gegenseitig.
Unser schlimmstes Erlebnis war an einem heißen Sommerabend im Juli, Santana war ziemlich „heiß“ und wollte nur rasen. Wir ritten eine uns ziemlich bekannte Strecke (wie wir glaubten), ich ließ die Zügel fallen und Santana hatte die freie Entscheidung. Durch das gewaltige Tempo, das Santana an den Tag legte, hatte ich Tränen in den Augen.... ich ließ sie aber immer noch gewähren, weil ich wusste, hinter der Kurve, die auf uns zukam, ging es ja schließlich bergauf.... wobei die Süße meistens langsamer wurde. Leider hatten wir beide die Kurve nicht richtig eingeschätzt. Sie verlief in einem ca. 90 Grad Winkel. Santana driftete aus der Spur und wollte auf dem Grasstreifen direkt neben dem Weg weiter galoppieren. Was wir nicht gesehen hatten, war: unter dem vermeintlichen Grasstreifen war ein Graben, der etwa einen Meter tief war und einen halben Meter breit. Wir bemerkten den Graben erst, als es zu spät war.....wir stürzten mitten in den Graben....oh Mann...ich sah unser Ende. Santana sprang in Panik sofort wieder auf und rannte weg. Ich dagegen lag halb bewusstlos im Graben und rief nur noch nach Hilfe. Eine Begleiterin, die auf einem Haflinger Wallach erst Minuten später am Unfallort war, ritt sofort zu einem benachbarten Bauernhof und informierte den Sohn des Hauses, damit er mich schnellstens mit dem Auto abholen konnte. Mittlerweile kroch ich (ich weiß wohl nicht mehr genau wie!) über den Graben und humpelte ihm entgegen. Ich war völlig benommen... wollte mein Pferd suchen.... hatte Panik dass sie (Santana), zur Hauptstrasse rennen würde. Wir fuhren etliche Feldwege ab... keine Spur. Zurück zum Bauernhof, dort stand Santana, ziemlich fertig mit der Welt und triefend vor Schweiß. Sie musste sich die Zügel abgetreten haben, denn diese waren nicht mehr an der Trense. Unterhalb des Mauls sah ich dann die weit aufklaffende Wunde... ich erschrak bei dem Anblick. Sofort rief ich den Tierarzt an, der mir dann nur sagte: „Da kann man eh nix dran machen, das muss von alleine wieder heilen.“ Da stand ich nun mit meiner großen Liebe, wollte ihr gerne helfen, konnte aber nix tun. Ich brachte sie zurück auf ihre Weide. Mit immer noch zitternden Beinen versuchte ich Sattelzeug und Putzzeug ins Auto zu verfrachten; erst jetzt bemerkte ich, dass ich auch verletzt war. Ich hatte die Schmerzen zuvor völlig ignoriert. Aus meinem Schuh quoll eine Menge Blut. Ich traute mich nicht, den Schuh auszuziehen. Nachdem ich mich versichert hatte, dass es Santana gut ging, fuhr ich zum Arzt. Die Wunde war ziemlich groß und auch weit aufklaffend, ich musste wohl im Stacheldraht gehangen haben. Da ich von Natur aus keine Spritzen mag, bestand ich auf ein simples Klammerpflaster. So werde ich heute immer noch an unseren schrecklichsten Unfall erinnert, wenn ich meine Narbe am Fuß sehe.
Ich denke dieses Ereignis brachte mich vollends zur Vernunft. Wollte ich doch immer ab von den engstirnigen Machtkämpfchen zwischen Pferd und Mensch, bei dem besonders ICH immer gewinnen musste?
Wollte ich nicht in Harmonie mit diesen wundervollen Geschöpfen leben?
Ich verkaufte meine sämtlichen gesammelten Werke... die ganzen Hilfszügel und „hau-dich-blau-gegenstände“! Ich verzichtete von nun an mit hocherhobener Nase meinem Pferd gegenüber zu treten. Ich verzichtete auf die Menschliche Stimme, soweit es mir möglich war. Von nun an begann eine neue Ära. Santana verstand meine Worte, sie brauchte keine Angst haben, wenn ich ihr erklärte das ich niemals etwas böses von ihr verlangen würde. Und sie vertraute mir von diesem Tag an. Die Buckelaktionen waren Vergangenheit.... selbst das „Durchgehen“ kennen wir heute nur noch aus Erzählungen.
Auf einmal war alles so einfach!
Zwei Jahre später beschloss ich, ein Fohlen zu ziehen. Ich brachte Santana zu einem Pasohengst.
Sie nahm sie sofort auf. Ebenfalls stand eine Traberstute mit in dieser kleinen Herde. Die beiden Stuten verstanden sich so gut, dass ihr Besitzer und ich uns einigten, die beiden bis zum Abfohlen zusammen stehen zu lassen. So hätten die beiden Fohlen auch die Möglichkeit, zusammen groß zu werden. Santana wurde Monat für Monat unerträglicher, sie ließ sich von niemanden mehr anfassen. Die andere Stute hingegen wurde zusehendst zutraulicher. Wie jede Frau sich verändert, so musste auch ich mich an die Veränderung von Santana gewöhnen. Ich akzeptierte es, da ich ja auch Mutter von zwei Mädels bin. Monat für Monat veränderte sich der Augenausdruck von den beiden werdenden Müttern...
es war ein wundervolles Ereignis.
An einem Pfingstsonntag wurde dann endlich Selina geboren. Bei der Geburt war ich leider nicht dabei. Aber zwei Stunden später wurde ich angerufen und war sofort zur Stelle.
Ich kam auf die Weide... Santana schaute mich an...und zeigte mir ihr Baby, das zusammengerollt unter ihrem Bauch lag. Ich durfte mich dazulegen. Es war Traumhaft. So lange durfte ich Santana nicht anfassen, jetzt aber wo sie alles überstanden hatte, konnte sie nicht genug von mir bekommen. Ich fühlte wohl, fühlte die gleiche Geborgenheit, wie auch das Fohlen.
So sind wir beide ein unzertrennliches Team geworden.
Ich bereue keine einzelne Minute dieser neuen Ära! Jedoch die ganzen verlorenen Jahre davor.